Kurzgeschichten

Geschichten vom jungen Häuptling Überhaupt

Teil 1: Die verlorene Fledermaus

„Oh Nein! Beim großen Manitu – das darf doch nicht wahr sein?“, schrie Häuptling Überhaupt völlig entgeistert. Panisch und verzweifelt wühlt er in Truhen und Beuteln – Stück für Stück gräbt er sich durch sein Hab und Gut. Wiederholt schimpft er: „Wo verdammte Axt ist sie?“. Seine Suche wird immer hektischer – Geschirr klirrt, Gegenstände fliegen umher.

„Was ist denn hier los?“ fragt sein treuer Freund und Indianerkrieger – Lässiger Lux – der vom Tumult aufgeschreckt ins Wigwam kam. „Sie ist weg! Die heilige Fledermaus ist weg. Jetzt ist alles verloren!“

Für Häuptling Überhaupt ist der Verlust tatsächlich tragisch und nicht unbedeutend. Die heilige Fledermaus ist ein magisches Amulett, eine schamanische Insigne der Kraft. Sie verleiht Durchsetzungsvermögen und sorgt für Respekt, Wohlstand und Wachstum. Der junge Häuptling erhielt den Talisman von einem mächtigen Waldgeist, als er die Führung seines Stammes übernahm. Der Geist warnte ihn, pass gut darauf auf, sonst trifft dich mein Fluch und dir stehen ewige Qualen bevor. Die Fledermaus ist seither zum Symbol und Stützpfeiler der Stammesherrschaft geworden. Ohne sie ist der Häuptling geschwächt – seine Rivalen und Feinde hingegen gestärkt. Kurzum: Ohne die Fledermaus ist die Existenz seines Stammes bedroht.

„Lass uns gemeinsam suchen, vielleicht kann ich dir helfen.“, sagte Lässiger Lux und fragt so gleich: „Wann hast du die Fledermaus denn zuletzt gesehen?“

„Gestern war sie noch in meinem Zelt – hier in dieser Truhe bei den anderen Schmuckstücken lag sie. Ich weiß es genau, weil ich sie noch in der Hand hatte, bevor ich zum Vollmondritual gegangen bin. Ach halt… da fällt mir gerade ein… kann das möglich sein…. Nein! Unmöglich! Sie würde mir das nicht antun!“

„Mach es nicht so spannend – was war denn?“

„Also pass auf. Kurz bevor ich zur besagten Zeremonie ging, stand überraschend Besuch vor meinem Zelt. Es war die Kriegerin “Tapferer Wolf“ aus dem Norden. Sie hatte einen Gefährten dabei und wollte mit mir reden. Seit längerer Zeit bewahre ich Werkzeug und Kleidung auf, die Tapferer Wolf zurück haben wollte. Der Besuch war kurz und wir kamen kaum ins Gespräch. Dabei hätten wir viel zu bereden gehabt. Die Gelegenheit ließ dies jedoch nicht zu, weil mich zur selben Zeit Stammesbrüder fürs Vollmondritual abholten. Sehr Schade… ich freute mich innerlich sehr, sie zu sehen. Doch nun bin ich skeptisch…“

„Demnach denkst du, deine Besucher haben unsere Fledermaus entwendet?“

„Eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Tapferer Wolf und mich verbindet mehr als materielle Dinge – wir haben in der Vergangenheit einiges erlebt. Wir haben Seite an Seite gekämpft, gelacht, geweint – gelebt und geliebt…“, der Häuptling klopft sich auf die Brust und sagt: „ Ich trage sie bis heute bei mir – hier direkt in meinem Herzen. Ich verdanke ihr viel… Ganz ehrlich mein Freund, häufig vermisse ich sie und wünschte, wir würden uns besser verstehen. Vor einiger Zeit trennten sich jedoch unsere Wege. Weshalb sie sehr feindselig zu mir wurde. Einerseits will ich, sie nicht zu unrecht beschuldigen oder ihr Schmerzen zufügen. Andererseits beschleicht mich das ungute Gefühl, dass sie etwas mit dem Verschwinden der Fledermaus zu tun hatte.“

„Was ist denn zwischen euch passiert?

„Sei mir nicht böse, aber das betrifft nur sie und mich. Nur so viel: Ich habe Tapferen Wolf schwer enttäuscht. Damals sah ich mich gezwungen, sie während eines langen Kampfes auf dem Schlachtfeld zurück zu lassen. Verwundet und entkräftet trat ich aus Selbstschutz den Rückzug an. Obendrein war es mir nicht möglich, mich zu erklären… Das war eine dunkle Zeit und Rückblickend eine schlechte Entscheidung von mir – vielleicht aus Feigheit – vielleicht aus Egoismus oder falschem Stolz – schwer zu sagen. Besser wäre es gewesen, ich wäre meinem Herzen gefolgt und hätte ihr wenn nötig bis zum letzten Atemzug beigestanden. Sie muss sich schrecklich gefühlt haben in jener Zeit. Und ich sah nur die eigenen Weh-Wehchen und Probleme…“

„Ok. Aber warum sollte Tapferer Wolf die Fledermaus von dir stehlen?“

„Das ist eine gute Frage, nicht wahr? Vielleicht um Rache zu nehmen oder mir eine Lektion zu erteilen. Vielleicht will sie provozieren, um zu sehen, ob ich den Kampf aufnehme oder wieder feige die Flucht ergreife – ich ahne es nicht. Vielleicht hat sie auch nichts damit zu tun. Wir sollten unsere nächsten Schritte sehr genau überdenken, um keinen Schaden anzurichten.“

„Hm, ich hätte da schon eine Idee. Was hältst du von einer kleinen List, um Licht ins Dunkel zu bringen? Was wäre, wenn wir Tapferen Wolf zur Rede stellen und behaupten, es gäbe Zeugen, die den Vorfall gesehen hätten. Dann wird ein Geständnis folgen und die Fledermaus wird zurückgegeben.“, schlug Lässiger Lux vor.

„Und was ist wenn kein Geständnis erfolgt – oder Tapferer Wolf gesteht, aber gibt die Fledermaus nicht zurück? Dann sind wir gezwungen, in den Krieg zu ziehen – mit all den hässlichen Konsequenzen, den Verlusten, den Opfern – dem Schmerz und dem Leid. Nein! Das ist keine gute Idee. Es muss eine salomonische Lösung geben – eine Lösung, in der kein böses Blut fliest, in der keiner geschmäht oder angeprangert wird und in der nicht gelogen wird. Lass mich überlegen…“. Der Häuptling geht zur Feuerstelle, nimmt einen Tonkrug, füllt ihn mit Wasser und stellt ihn ins Feuer. „Wie wäre es mit einer Tasse Tee?“, fragt er unaufgeregt.

Lässiger Lux schaut verwundert und erwidert: „Willst du die Provokation und Schmähung von Tapferen Wolf einfach aussitzen und Tee trinken?“

„Keines Wegs. Allerdings ist Entspannung in angespannten Situationen oft besser als vorschnell zu Urteilen – es hilft manchmal abzuwarten, um klarer zu sehen. Weißt du, Tapferer Wolf hat eine gute Seele und ein großes Herz. Außerdem ist Tapferer Wolf ungelogen einer der kreativsten Menschen der mir bisher begegnet ist. Tapferer Wolf hat mir vor einiger Zeit mal ein Werkstück anvertraut. Ein Farbenspiel auf einer schwarz schimmernden, gewellten Platte – ein sehr gefragtes Schmuckstück. Mir bot man verhältnismäßig viele Goldstücke dafür, so dass ich nicht ablehnen konnte. Tapferer Wolf sollte davon einen Großteil erhalten. Neulich ist es mir schlicht entfallen, Bescheid zu sagen. Ich glaube, Tapferer Wolf weiß gar nichts davon. Wie wäre es, wenn wir Rauchzeichen geben und anbieten – die Fledermaus gegen einen gerechten Anteil zu tauschen – beide Seiten würden profitieren, wären im Recht mit reinem Gewissen. Und wenn Tapferer Wolf die Fledermaus nicht entwendet hat – wir bekommen zumindest Licht in eine verzwickte Situation. Was hältst du davon?“

„Wenn aber Tapferer Wolf die Fledermaus nicht gestohlen hat, wie finden wir dann den wahren Täter?“, fragte Lässiger Lux.

Der junge Häuptling schaute Lässigen Lux an und sagte: „Mit einer Tasse Tee mein Freund, mit einer Tasse Tee. “


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